desktop_header mobile_header

AOP/IGP für Schweizer Weine: Braucht das der Markt?

Das Bundesamt für Landwirtschaft BLW hat 2016 das Projekt lanciert, für Schweizer Weine die geschützte Ursprungsbezeichnung AOP und geografische Angabe IGP einzuführen. Die Gesetzesänderung soll mit der Agrarpolitik (AP22+) dem Parlament unterbreitet werden und ab 2022 die 1993 erfolgreich eingeführte kontrollierte Ursprungsbezeichnung AOC ersetzen.

Das BLW begründet diesen Schritt mit der vertraglich notwendigen Anpassung des Schweizer Rechts an die EU-Bestimmungen von 2009, um die gegenseitige Anerkennung der geschützten Bezeichnungen für Weinbauerzeugnisse sicherzustellen. Auch soll der Schutz der Ursprungsbezeichnungen für Weine demjenigen für land- und forstwirtschaftliche Erzeugnisse in der Schweiz angeglichen werden. In diesen Schritten will das BLW das Potential zu einem höheren Mehrwert für Schweizer Weine erkennen und dem Konsumenten die Ursprungsbezeichnungen verständlicher machen.

Die Schweizer Weinbranche wurde vom BLW zur Projektmitarbeit eingeladen. Sie steht dem Ansinnen mehrheitlich ablehnend gegenüber. Die Hauptkritik richtet sich darauf, dass die mit viel Einsatz eingeführte AOC-Regelung nach einer Übergangsphase nicht einer neuen, strengeren AOP-Regelung entsprechen würde. Dies hätte eine doppelte Herausforderung zur Folge: Eine Neuorientierung der AOC-Produkte auf die strengeren AOP-Bestimmungen bei gleichzeitigem Auffangen der Herabstufung des bisherigen AOC-Weins – die bisherigen AOC-Weine fielen zwischen Stuhl und Bank! Bei heute 63 AOC-Weinen nach Bundesrecht, welche sich wiederum in zahlreichen kantonalen Bestimmungen unterteilen, kann von deutlich mehr als einem Wirbelsturm gesprochen werden, welcher durch die Schweizer Weinbranche ziehen würde. Und dies wohlgemerkt, ohne dass der Übergang von AOC zu AOP/IGP-Weinen einem nachgewiesenen Marktbedürfnis entspricht. Denn der Weinhandel ist sich einig: Ursprungsbezeichnungen sind kein entscheidendes Verkaufsargument und die Kundschaft in der grossen Masse wenig an diesen interessiert!

Tatsächlich hätte die Einführung der geschützten Ursprungsbezeichnung AOP nach strengeren Regeln als die heutigen AOC eine erhebliche Verteuerung und Verschlechterung der Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Produkte zur Folge. Und für den ohnehin überschaubaren Exportanteil (< 1% der Jahresproduktion) von Schweizer Weinen sind die Marken ein Erfolgsfaktor und nicht die Ursprungsbezeichnungen.

Soll die Schweizer Weinbranche nicht unnötig vor den Abgrund gestossen werden, muss das Projekt des Bundes entweder gestoppt oder mit einem unverrückbaren Eckstein neu aufgegleist werden: Die Inhalte der heutigen AOC-Regelung sind der Massstab und die Messlatte, sie werden nicht ersetzt sondern gehen unverändert in eine AOP über. Das lässt Spielraum für Weiterentwicklungen nach oben und nach unten, die den Marktbedürfnissen entsprechen. Mit diesem Ansatz werden auch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Weiterentwicklung erkenn- und quantifizierbar, sodass die Schweizer Weinbranche in Franken und Rappen berechnen kann, was das Projekt kosten und bringen wird.

Vereinigung Schweizer Weinhandel